Andacht von Christoph Belgardt: Habakuk

Herr, wie lange schon schreie ich zu dir um Hilfe! Aber du hörst mich nicht. „Überall herrscht die Gewalt!“, rufe ich dir zu, doch von dir kommt keine Rettung. Warum muss ich so viel Unrecht mit ansehen, und warum schaust du untätig zu, wie die Menschen einander das Leben zur Hölle machen? Unterdrückung und Gewalt, wohin ich blicke, Zank und Streit nehmen kein Ende! Niemand nimmt mehr das Gesetz ernst – wie soll da noch ein gerechtes Urteil gefällt werden? Der Gottlose treibt den Unschuldigen in die Enge, Recht wird in Unrecht verdreht.

Habakuk 1

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge

Lukas 2

Da schreit jemand seinen ganzen Frust, seine ganze Wut über den Zustand der Welt hinaus. Eine furchtbare Nachricht folgt der nächsten. Die Welt, die er kennt, gerät aus den Fugen. Wo ist sein Gott, der angeblich liebende, barmherzige und allmächtige Herr der Welt? Ist er vielleicht doch nur ein teilnahmsloser, uninteressierter Beobachter. Lässt ihn die Not der Menschen kalt? Wo sind seine Gerechtigkeit und sein Mitleid. Wann greift er endlich ein. Wann beendet er die haltlosen Zustände.

Dieser Wutausbruch Habakuks könnte aus unserer Zeit stammen. Man mag schon lange nicht mehr die täglichen Nachrichten verfolgen. Die Welt scheint zum Spielball durchgeknallter, machgieriger und verantwortungsloser Menschen geworden zu sein.

Aber Habakuk, der hier den Zorn über seinen Gott hinausschreit, hat vor schon vor über 2650 Jahren gelebt. Er ist ein Prophet. Von ihm erwartet man eigentlich keine Kritik an Gott. Er soll ja eigentlich ein Propagandist für seinen Gott sein, ihn vor dem Volk vertreten und nicht öffentlich schlecht über ihn reden.

Aber Habakuk kann nicht mehr. Er versteht seinen Gott nicht. Das Maß ist voll. Sein Glaube stimmt nicht mehr mit der Realität überein. Das Schweigen Gottes wird zu Problem. Wie soll er einen Gott vertreten, bei dem Anspruch und Wirklichkeit so auseinander klaffen? Habakuks Glaube ist nicht mehr mit dem Alltag vereinbar.

Etwa 650 Jahre später ist ein junges Paar unterwegs. Die römische Besatzungsmacht will noch mehr Steuern aus dem unterdrückten Volk herauspressen Eine Anordnung des Kaisers zwingt sie, sich auf den Weg von Nazareth nach Bethlehem zu machen. Sie sollen sich dort in die Steuerliste eintragen lassen. Maria, die junge Frau, ist hochschwanger. Sie hat noch ein anderes Problem. Der Mann, der sie begleitet ist, ist nicht der Vater ihres Kindes. Ein Skandal, der sie zur Außenseiterin macht. Mit der unverhofften Schwangerschaft ist Ihre kleine Welt aus den Fugen geraten. Was mutet Gott ihr eigentlich zu? Hilflos ist sie der Willkür der politisch Mächtigen und der Häme ihrer Nachbarschaft ausgeliefert, weil sie nicht den gängigen Moralvorstellungen entspricht. Nach der beschwerlichen Reise bleibt nur eine schäbige Futterkrippe für ihr neugeborenes Kind.

Hat sich in sechs Jahrhunderten noch immer nichts geändert? Hat sich Gott noch nicht geändert? Scheinbar schweigend sieht er tatenlos zu. Aber Maria geht nicht wie Habakuk auf ihren Gott los. Im Gegenteil, sie singt sogar noch ein Loblied, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt.

Was hat der wütende Prophet mit der demütigen jungen Frau zu tun? Wer von den beiden hat nun Recht? Was verbindet die beiden?

Wenn dieser Monatsanzeiger erscheint, ist es wieder einmal nicht mehr lang bis Weihnachten. Wir feiern die Geburt eines Säuglings, für den es nur eine Futterkrippe als Kinderbett gab. Jesus kommt in die Nöte seiner kleinen Familie zur Welt. Er wird hineingeboren in eine Welt, die brutal, mörderisch und ungerecht ist. Habakuk hätte alle Gründe auch jetzt noch seine Vorwürfe gegen Gott zu wiederholen. Aber Maria hat schon eine Ahnung, dass sich mit ihrem Kind alles ändern wird.

Mit Jesus kommt Gott selbst in die Welt. Jesus ist nicht ein unbeteiligter Beobachter, der zynisch die Zustände der Welt kommentiert. Er wird ein Mitleidender. Er geht dorthin, wo es weh tut. Er macht sich zu denen auf, die zu kurz gekommen sind, die unter der Unterdrückung durch die Reichen und Mächtigen leiden. Er geht zu denen, die gesellschaftlich isoliert sind, weil sie durch Ihre Krankheiten, Behinderungen oder ihrem angeblich unmoralischen Lebenswandel nicht der Norm entsprechen. Er nimmt uns Menschen mit in die Verantwortung: Ihr beschwert euch über Gott. Ihr werft ihm vor, nur schweigend zu beobachten und nichts zu tun. Aber schaut Euch einmal selbst an. Tut ihr etwas? Erwartet ihr von Gott nicht etwas, was ihr selbst in die Hand nehmen müsstet. Ist es nicht so, dass Gott schon lange zu euch spricht, aber keiner hört ihn, weil ihr ständig selbst redet. Ihr seid immer nur mit euch selbst beschäftigt und hört ihm nicht zu. Wenn ihr auf ihn hört, wisst ihr, was gut und richtig ist. Ihr seid mitverantwortlich dafür, was auf dieser Welt geschieht.

Kommt und engagiert euch mit mir für Menschen, für Tiere und Umwelt. Tretet denen entgegen, die Gewalt, Machtmissbrauch und Unrecht in die Welt bringen. Helft den Armen, Flüchtlingen, Behinderten und Unterdrückten. Dann ist Gott auf eurer Seite.

Es wird trotzdem Zeiten geben, in denen man sich so elend fühlt wie Habakuk. Das sind Zeiten in denen man Gott nicht versteht und zu zweifeln beginnt. Man sieht kein Weiterkommen und es hagelt nur Niederlagen. Das hat Jesus selbst auch erlebt. An ihn kann man sich klammern, wenn man die Hoffnung verliert, denn er hat die Verantwortung dafür übernommen, dass Gott zum Zuge kommt.

Auch der verzweifelte Habakuk wird nicht mit seiner Wut allein gelassen. Sein Gott antwortet auf die Anklage. Er macht ihm keine Vorwürfe. Ganz behutsam geht er mit dem Propheten um: Habakuk, du kannst es zwar noch nicht sehen, aber ich habe mich schon längst aufgemacht um Hilfe zu bringen.

 

Geschrieben von Christoph Belgardt

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