Für die Leser dieser Überschrift seien zwei Verdachtsmomente direkt ausgeräumt: Bei dem folgenden Artikel handelt es sich weder um die Gesänge eifriger Fußballpatrioten noch um den Versuch, die Hauptstadt unseres Landes in Gänze im DIN-A5- Format zu erfassen. Vielmehr handelt es sich um den Bericht über eine Dankeschön- Einladung der Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag, aus deren Büro der CVJM Iserlohn im Mai 2009 Post erhielt. In einer Gruppe von knapp fünfzig ehrenamtlich Tätigen (oder auch, dem Wortlaut des offiziellen Schreibens folgend, „politisch Interessierten“) aus dem Märkischen Kreis, unter anderem vom CVJM Hemer, dem CVJM Menden und Scriptum Menden, fuhren Katrin Eckert, Annette Müller, Jürgen und Petra Buth, Olaf Bigalke und Sebastian Pfeil Ende Juli für vier Tage nach Berlin.

Für alle, die sich fragen, warum denn keine jüngeren Jungscharmitarbeiter an der Fahrt teilgenommen haben, um sich als Jung- bzw. Erstwähler eine zusätzliche Motivation für die kommenden Urnengänge zu verschaffen, sei der Umstand erwähnt, dass Berlin-Fahrt und Jungscharfreizeit zeitlich parallel lagen. Nach der Ankunft im Hotel und einem ersten freien Abend (den man – Anregung für die Reiseleitung und künftige Teilnehmergruppen – vielleicht hätte nutzen können, um die Ehrenamtlichen der verschiedenen Vereine und Gruppen miteinander bekannt zu machen und ein wenig von den verschiedenen Arbeitsfeldern zu berichten), folgte am nächsten Tag ein Informationsgespräch mit einem Mitarbeiter des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Während der Fahrten zwischen Hotel und Veranstaltungsorten gab es bereits von einem Mitarbeiter des Bundespresseamtes sowie dem Busfahrer (beide augenscheinlich Berliner Originale, die mit netten Anekdoten die Lacher auf ihrer Seite hatten) einen Vorgeschmack auf die am folgenden Tag anstehenden Stadtrundfahrten per Bus und per Boot. Als einige Stationen dieser Stadtrundfahrten möchte ich Checkpoint Charlie, Bundestag (mit Besichtigung der Reichstagskuppel) und Kanzleramt, Gendarmenmarkt mit französischem und deutschem Dom (darin eine Ausstellung über die Entwicklung der Demokratie in Deutschland) sowie Schloss Bellevue erwähnen. Das Bewusstsein, wie zerbrechlich das zarte Pflänzchen Demokratie noch vor wenigen Jahrzehnten in Deutschland war, entstand nachdrücklich während unseres Besuchs im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Auch die Besichtigung der Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas, die wir als Kleingruppe nach der Stadtrundfahrt unternahmen, wirkt nach. Erscheinen die Monolithblöcke der Gedenkstätte zunächst wie ein ebenes Stück Freifläche irgendwo zwischen Häusern der Stadt, offenbaren sie beim Betreten eine ungeahnte Tiefe. Der Besucher verirrt sich beinahe in einem Labyrinth und findet nur mühsam einen Ausweg – so wie vermutlich ein Großteil der deutschen Bevölkerung den Faschismus als System der Unterdrückung in den ersten Jahren maßlos unterschätzt hat.

Unterschätzt wurde sicherlich auch, wie sehr der „real existierende Sozialismus“ der DDR Menschen in ihrem Alltag beschränkt und beeinflusst hat – zu sehen an Relikten des alten Mauersperrbezirks und während unserer Führung durch das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Mehrfache Erwähnungen des Films „Das Leben der Anderen“ durch den Fremdenführer in Hohenschönhausen haben uns spontan dazu veranlasst, eine Art „Nachtreffen“ der Mitreisenden aus unserem Verein mit Filmvorführung zu gestalten. Gründe, Ulrich Mühe in der Rolle eines menschlich gewandelten „Rädchens im Getriebe“ anzusehen, gibt es genug.

Gründe dafür, nach Berlin zu fahren und Zeugen der Geschichte dreier Staaten auf engstem Raum beieinander zu sehen, sicherlich noch viel mehr. Und so wir bis jetzt noch nicht genügend Gründe hatten, auf jeden Fall wählen zu gehen, sind noch einige hinzugekommen. Ein herzlicher Dank gilt Dagmar Freitag und ihrem Mitarbeiter Rolf Kaiser sowie den beteiligten Mitarbeitern des Bundespresseamtes für die Organisation dieser interessanten und informativen Fahrt. Für die Mitarbeiter der Jungscharfreizeit möge sich noch Gelegenheit finden, vergleichbare Eindrücke in den Folgejahren zu sammeln.

Sebastian Pfeil


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