[dropcap]U[/dropcap]nd es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens

Lukas 2

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…

So beginnt eine der bekanntesten Geschichten der Welt. Lukas ist es wichtig, Augustus darin zu erwähnen. Im römischen Reich kursierten viele Geschichten über den wohl berühmtesten römischen Kaiser. Etwa diese:

Mit der Epiphanie (Geburt) des Kaisers (Augustus) sind die Hoffnungen (und Gebete) der Vorzeit überschwänglich erfüllt. Denn er hat nicht nur die Segensbringer, die vor ihm waren, in den Schatten gestellt, sondern auch den kommenden Segensbringern alle Aussicht genommen, ihn zu übertreffen. „Für den Kosmos aber begann mit dem Geburtstag des Gottes (Augustus) die Reihe der Evangelienfeste, die ihm zu Ehren gefeiert werden.“ Beschluss des Landtages von Asia in Smyrna (23. September 9 v. Chr.)“

„Schon bei seiner ersten Ankunft in Rom 44 v. Chr., so verkündeten die Marktschreier, habe eine große Menschenmenge über seinem Haupt den Strahlenkranz der Sonne gesehen, und bei den Spielen zu Ehren der Venus habe sieben Tage lang ein Komet am Himmel gestanden, welcher der ganzen Erde Rettung und Segen verheißen habe.“

„Zum Zeitpunkt seines Todes lauteten sein Name und seine vollständige Titulatur zu Deutsch etwa: „Imperator Caesar, Sohn des Vergöttlichten, der Erhabene, Höchster Oberpriester, Konsul, Imperator, Inhaber der tribunizischen Gewalt, Vater des Vaterlandes.“

Im Augenblick scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Nichts ist mehr, wie noch vor einigen Jahren. Kriege und Bürgerkriege rücken uns näher. Riesige Flüchtlingsmengen auf der ganzen Welt sind auch zu uns unterwegs. Fremde Religionen und Kulturen erzeugen diffuse Ängste. Alte, schon fast vergessen Konflikte brechen wieder auf. Religiöse Fanatiker aus allen Religionen töten wahllos tausende Menschen. Die Politik scheint keine überzeugenden Lösungen zu bieten. Ratlosigkeit macht sich breit. Wem kann man noch vertrauen?

Jetzt ist wieder die Stunde der „starken Männer“ gekommen. Sie bieten einfache Lösungen auf komplizierte Fragen: Folgt mir und es wird euch gut gehen. Ich habe die Antwort auf alle eure Probleme und Ängste. Aber eine Bedingung ist, dass ihr euch mir ausliefert. Unbedingter Gehorsam ist die Voraussetzung. Wer sich mir aber widersetzt wird hinweg gefegt, denn wo gehobelt wird, fallen Späne.

So ein „starker Mann“ war Augustus. Der nach ihm benannte Friede beruhte allerdings nicht auf Menschenfreundlichkeit, sondern auf der Wucht der römischen Legionen. Er regierte nach dem Motto: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“. Er ist der erste Kaiser, der sich als Gott verehren lässt.

Von dem kleinen Ort Betlehem hat er wahrscheinlich noch nie gehört. Er hätte ihn auch nicht besonders interessiert, aber dort geschieht Entscheidendes. Nicht im politischem Zentrum Rom oder in der religiösen Hauptstadt Jerusalem wird eine neue Botschaft verkündet. Nicht die religiösen und politischen Führer empfangen die Nachricht, es sind einfache raue Männer, die auf einem Feld bei Bethlehem ihre Tiere hüten:

Nicht der mächtige Kaiser in Rom und alle anderen selbst ernannten „starken Männer“ sind die Herren der Welt. Gott hat die Fäden in der Hand, auch wenn es oft nicht so scheint. Die Zeichen dafür: Ein Säugling in Windeln, der in einem Futtertrog liegt, weil seine Eltern so arm sind, dass sie sich keine vernünftige Unterkunft leisten können. Eigentlich ziemlich armselig.

Und dennoch wird dieses Kind vom Engel mit Titeln belegt, die nur dem römischen Kaiser zustehen.

Gott geht andere Wege als die „Starken Männer“. Er kommt in Windeln durch eine Hintertür der Weltgeschichte. Er betritt die Welt nicht im hochherrschaftlichen Palast, sondern in einer schäbigen Herberge in einem vergessenen Kaff am Rande des römischen Imperiums

Gott stellt dem mächtigsten Kaiser und selbst ernannten Gott des römischen Reiches einen armseligen Säugling entgegen. Mit diesem Kind will er die Welt verändern.

In einigen Jahren wird Jesus der Versuchung widerstehen, selbst einer von den „starken Männern“ zu werden. Sein Weg führt nicht in die Machtzentren, sondern mitten hinein in das Leben der Menschen. Er wird dort zu finden sein, wo Menschen um ihr Überleben und ihre Würde kämpfen, wo das tägliche Überleben wichtiger ist, als die Frage, wer gerade die Macht im fernen Rom hat. Seine Botschaft ist: Nicht die selbst ernannten Heilsbringer sind die Herren der Welt. Ihnen geht es nur um Macht, Reichtum und Ehre. Ihre Anhänger interessieren sie eigentlich nicht besonders, sind nur Kanonenfutter zum Erreichen ihrer Ziele.

Gott dagegen seid ihr nicht egal. Er kommt zu euch, in euren alltäglichen Überlebenskampf, eure Arbeitsstellen, in eure Häuser, in eure Küchen und dorthin, wo die vollen Windeln eurer Kinder gewaschen werden. Er steht bedingungslos auf eurer Seite. Seine Heerscharen verkünden nicht Krieg und Unterdrückung, sondern seinen Frieden. Er will, dass es Körper und Seele gut geht. Folgt ihm, denn er ist dabei die Welt zu verändern.

Jesus geht diesen Weg konsequent weiter. Weil er die Freiheit der Kinder Gottes und das kommende Gottesreich verkündet, erregt er das Misstrauen der römischen Besatzer und erleidet den schmählichen Tod am Kreuz, wie viele tausende andere Aufrührer. Ist er ein gescheiterter Träumer und hoffnungsloser Idealist? Vielleicht würde er heute als naiver Gutmensch bezeichnet.

Warum setzen auch Christen immer wieder auf die „starken Männer“. Warum sind Männer wie Orban und Putin die Helden vieler konservativer Menschen? Weil sie die gleichen Feindbilder haben? Ist der Feind meines anscheinenden Feindes wirklich automatisch mein Freund? Oder verfolgt er in Wirklichkeit doch nur die eigenen Interessen? Wem kann ich mehr vertrauen, einem umjubelten Heilsbringer oder einem Jesus von dessen Macht nicht viel zu sehen ist?

Die Bibel ist sehr misstrauisch gegenüber „starken Männern“ und deren Feindbildern. Die Autoren der biblischen Bücher entlarven sie schnell: David ein hemmungsloser Ehebrecher, der skrupellos seine Macht missbraucht, um Nebenbuhler zu vernichten und nicht in der Lage ist, seine machtgierige Familie im Zaum zu halten, Salomo der erst König wird, nachdem er seine Brüder beseitigt hat, Saul ein depressiver Gewaltmensch, Mose ein Mörder im Affekt, Jakob ein Erbschleicher, Abraham verkauft aus Feigheit seine Frau Sara als seine angebliche Schwester an einen Stammesfürsten, der ein Auge auf sie geworfen hat, Petrus ein Maulheld , Jona ein ichbezogener Besserwisser – usw. usw.

Sind das wahre Vorbilder?

Stark sind sie für die Bibel erst, wenn sie erkennen, dass sie Schuld auf sich geladen haben, ihr Leben ändern und sich immer wieder, trotz allen Scheiterns, neu auf Gott einlassen.

Jesus hatte die Botschaft: Tut Buße, ändert euer Leben und folgt Gott auf seinem Weg der Veränderung der Welt zum kommenden Reich Gottes. Er scheint grandios gescheitert zu sein, ein Versager ohne Gleichen, der seine Chancen zur Machtergreifung nicht genutzt hat, einer der nicht skrupellos genug war, seine Anhänger zum Aufstand gegen Rom zu treiben. Haben am Ende Machtmenschen wie Augustus doch noch gewonnen? Hat der Engel gegenüber den Hirten den Mund zu voll genommen?

Lukas sieht das nicht so. Der scheinbar Gescheiterte ist nicht im Grab geblieben. Gott hat mit ihm die Hoffnung auf das kommende Gottesreich neu geweckt. Der Auferstandene ist mit seinen Nachfolgern unterwegs auf dem Weg zur neuen Welt Gottes.

In der letzten Zeit gibt es aber nun doch viele Gründe zum Zweifel daran. Alle Hoffnung scheint den Bach herunter zu gehen. Wo ist Gott und die Hoffnung auf seine neue gerechte Welt? Ist seine Botschaft an die Hirten doch nur heiße Luft?

Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist groß. Aber Jesus ist nicht einfach, bietet nicht einfache Lösungen an, weil er jeden auf seinem Weg mitnehmen will. Er sagt: Gott hat euch viele Talente mitgegeben. Vergrabt sie nicht! Setzt sie ein, seid kreativ! Lasst euch etwas einfallen, wenn es um die Sache Gottes geht! Unter euch gibt es so viele Menschen mit verschiedenen Begabungen und Stärken! Setzt sie für mich und die Schöpfung ein! Kommt mit mir, ich brauche euch auf meinem Weg! Es wird Rückschläge und Umwege geben, auch Zeiten der Mutlosigkeit und Resignation. Aber ich bin an eurer Seite. Vergesst nur dabei eure Schwächen nicht! Ich brauche keine Selbstdarsteller, Machtmenschen, Rechthaber oder Besserwisser, sondern Menschen, die sich nach der neuen gerechten Welt Gottes sehnen und ihre Mitmenschen und die Schöpfung achten und lieben lernen und gegen allen Augenschein am mich und Gottes Zukunft glauben.

Augustus stirbt mit 76 Jahren am 19. August des Jahres 14. Die überlieferten letzten Worte des sterbenden Kaisers waren: “Habe ich meine Rolle gut gespielt? Nun, so klatscht Beifall, denn die Komödie ist zu Ende”. Ein eitler raffinierter Machtmensch und geschickter Propagandist mit dem Blut von tausenden ermordeten Menschen an seinen Händen hat die Weltbühne verlassen. Ein neuer genauso skrupelloser „starker Mann“ steht schon für 23 Kaiserjahre bereit, bis auch er gehen muss. Auch Tiberius wird nicht mitbekommen, das in einer fernen Provinz seines Reiches ein junger Mann aus Nazareth dabei ist, die Welt zu verändern

Gustav Heinemann dazu: „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!“

Christoph Belgardt

Kategorien: Andachten

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