Am 8. Mai jährt sich zum 70. Mal die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit die Befreiung Deutschlands vom Naziregime. Die Zeit 1933 bis 1945 hatte auch Auswirkungen auf den CVJM-Iserlohn. Über die „Deutschen Christen“ versuchte die NSDAP auch die Kirchen unter ihren Einfluss zu bringen. In Iserlohn Gelang es ihnen trotz anfänglicher Erfolge nicht, da die sich Iserlohner Gemeinde mehrheitlich zur „Bekennenden Kirche“ hielt.

Nachdem im Dezember 1933 Reichsbischof Müller und Reichsjugendführer Baldur von Schirach, eigenmächtig ohne Absprache mit den Leitungen der Verbände, darin übereingekommen waren, die evangelische Jugend in die Hitlerjugend einzugliedern, werden am 4. März 1934 die Jungscharen des CVJM-Iserlohn in die Hitlerjugend eingegliedert.

Kurt Schmidtchen (der spätere Jugendwart im CVJM-Iserlohn) und Hans Eckardt erinnerten sich:

 Am Sonntag, den 4. März 1934, fand unsere Eingliederung in die Hitler – Jugend bzw. in das deutsche Jungvolk statt. Der Jungtrupp und die Jungschar traten morgens geschlossen auf dem Schillerplatz an. Von dort marschierten wir zusammen mit der Gefolgschaft „Ost“ der HJ und einem Fähnlein Jungvolk zum HJ – Heim am Dicken Turm. Hier hörten wir uns die Übertragung der Rede des Reichsbischofs Müller aus dem Dom zu Berlin an. Nach der Rede wurden alle vom Jugendtrupp und von der Jungschar durch Berühren der Gefolgschaftsfahne und durch Handschlag des neuen Gefolgschaftsführers vereidigt. Die Vereidigung wurde durchgeführt vom Unterbannführer Landsberg. Zum Abschluss wurde das Hitlerjugendlied gesungen. Die Jungschar bildete einen eigenen Zug – der Jugendtrupp wurde auf die Gefolgschaft “ Ost“ verteilt. Vom Jungtrupp gehen Willi Dach, Gustav Hillebrand und Hans Eckardt als Führer zum Jungvolk. Mit einem abschließenden kurzen Marsch durch die Stadt, schließt die endgültige Eingliederung in die Hitler – Jugend.

 

Heinrich Westhelle, ein langjähriger Mitarbeiter des CVJM-Iserlohn, war Zeitzeuge und hat 1989 seine Erinnerungen an diese Zeit niedergeschrieben:

1 9 2 7 bis 1 9 4 5 –

der C V J M – Iserlohn im Dritten Reich

Diese Jahre waren wohl die schwerste, ereignisreichste und auch dunkelste Zeit in der 133-jährigen Geschichte unseres Iserlohner CVJM.

So fing es bei mir an: Einige Wochen nach meiner Konfirmation, Ende April 1927 überbrachte mir ein Jungenschaftler – damals hieß es noch Jungvolk – eine Einladung zum „Konfirmanden -Begrüßungsnachmittag “ im Mai 1927, so nannte man das damals. Die Jungenschaftsstunden waren seinerzeit immer sonntags ab 14.00 Uhr – damals die beste Zeit, weil am Samstagnachmittag die Jungscharstunde war und das Jugendheim an diesen Samstagen immer proppenvoll war. Von da aus musste man zwangsläufig das Eintrittsalter als Notlösung, auf 11 Jahre begrenzen – weil das Jugendheim die jüngeren Jungscharler nicht hätte fassen können und andere Räume damals nicht verfügbar waren.

Neben dem dem CVJM gehörende Jugendheim gab es an kirchlichen Räumen – außer den Kindergärten – nur das Gemeindehaus an der Wallstraße, was ja auch heute noch steht. Es gehörte damals der Reformierten Kirchengemeinde. Bis 1931 gab es in Iserlohn drei evangelische Gemeinden: Die Oberste Stadtgemeinde mit der Stadtkirche – zugehörig waren die im Stadtgebiet wohnenden Evangelischen, die Kirchspielsgemeinde mit der Bauernkirche, zugehörig für die außerhalb der lserlohner Stadtgrenzen wohnenden Gemeindeglieder bis hin nach Ispei und Stenglingsen. Daneben kam noch die Reformierte Gemeinde mit ihrer Kirche an der Wermingser Straße und dem Gemeindehaus Wallstraße 18, sie hatte sowohl im Stadt – als auch im Randbereich ihre Glieder.

An dem Konfirmanden-Begrüßungsnachmittag ging es ganz fröhlich zu. Das biblische Wort hatte Pfarrer Lic. van Randenborgh – damals Gemeindepfarrer und Kreisvorsitzender. Er wurde 1948 von der Landessynode zum Oberkirchenrat als Mitglied der Westfälischen Kirchenleitung gewählt und verzog 1949 nach Bielefeld.

Einige Wochen danach wurden dann die Jungen, die weiter die Jungenschaftsstunden besuchten, als Mitglieder aufgenommen. Vereinsvorsitzender war 1927 ERNST RICHTER, Prokurist beim lserlohner Kreisanzeiger. Da ich damals noch sehr jung war, habe ich kaum nähere Verbindung mit dem Vor-sitzenden gehabt.

Außer den beiden Gruppen Jungschar – Jungenschaft gab es einen Jungmännerkreis – Männerkreis an den Sonntagabenden, wozu aber auch wir Jüngeren häufig eingeladen wurden. Diese Sonntagabend – Stunden haben mir persönlich sehr viel bedeutet. Außerdem gab es eine Sportgruppe. Damals war die Sportstunde in der Turnhalle des Realgymnasiums an der Stefanstraße (1977 abgerissen). Der Mitarbeiterkreis kam vierzehntägig zusammen – ich selbst war seinerzeit noch kein Mitarbeiter

Die älteren Brüder, die ich damals antraf, haben mich durch ihre hohe Dienstauffassung und Eindeutigkeit stark beeindruckt und auch mit geprägt

Freizeiten vom Iserlohner GVJM gab es damals nur für die Jungschar. Die Jungenschaftler machten über Pfingsten eine Kurzfreizeit. Einmal waren sie auch in Kaub auf der ELSENBURG. Seinerzeit gab es für die Jungenschaftler, die in der Berufsausbildung waren, nur sehr wenige Urlaubstage.

Seit Anfang der zwanziger Jahre waren alle evangelischen Jugendkreise in der ARBEITSGEMEINSCHAFT der evangelischen Jugend zusammengeschlossen. Dadurch war schon damals eine gute Kooperation mit den Mädchenkreisen gegeben – ohne dass man an eine rechtliche Verzahnung dachte.

Zu meiner Zeit war Pastor van Randenborgh Vorsitzender dieser Arbeitsgemeinschaft – in den monatlichen Zusammenkünften nahmen die geistlichen Fragen den größten Raum ein. Die ARBEITSGEMEINSCHAFT war es auch gewesen, die Anfang der zwanziger Jahre die ersten Evangelisationen mit dem damals bekannten Evangelisten Daniel Schäfer – Waldbröl (Vater des heute noch lebenden Pfarrers Paul-Walter Schäfers veranlasste.

1 9 2 9 wurde Paul Görke, damals 29 Jahre alt, Vorsitzender, bis 1 9 3 1 dann August Grüber das Vorsitzeramt wieder übernahm – er war in früheren Jahren schon Vorsitzender. In seine Amtszeit fiel euch das 75jährige Jubiläum, das am 7. und 8. November 1931 gefeiert wurde. Im Festgottesdienst in der Obersten Stadtkirche und auch am festlichen Nachmittag in der damaligen großen Halle der Alexanderhöhe sprach der Bundeswart Pastor Eduard Juhl – Wuppertal.

Das Jahr 1 9 3 3 brachte uns den unseligen 30. Januar und damit den Beginn der Gewaltdiktatur des Naziregimes.

Viele CVJMer ließen sich blenden von der Schau und der Propaganda des Regimes, man wollte auch das Führerprinzip einführen. Aber Führerprinzip und Demokratie sind Staatsformen, die man nicht in vollem Umfange auf eine christliche Gemeinde übernehmen kann. Bis zu einem bestimmten Grade geht das, die Grenzen sind aber immer da, wo die biblischen Weisungen in Frage gestellt werden.

Im Vorsitz gab es einen Wechsel: August Grüber trat zurück und Adolf Grüber, damals 29 Jahre, wurde zum Vorsitzenden gewählt. Er hat dieses Amt auch bis März 1945 weitergeführt.

Nachdem sich die Nazis anfangs wie ein Wolf im Schafskleid darstellten, zeigten sie sehr bald ihr wahres Gesicht: Totaler Staat, der uns keinen Lebensraum gewähren wollte. Es folgten dann in raschem Tempo Verbot der Kluft, Heimbesetzung an einem Samstagnachmittag durch die Hitlerjugend. Ich wollte an diesem Nachmittag gerade ins Jugendheim, nur durch meinen Hinweis, dass ich in die Privatwohnung der Familie Grüber möchte, wurde mir Einlass gewährt. Beim Eintritt in die Wohnung von Grübers war ich Zeuge eines Gespräches, das der damalige Schriftwart Erich Lesinski mit dem Reichswart Erich Stange in Kassel führte. Stange hat sich dann mit dem Kreisleiter der NSDAP in Verbindung gesetzt und so die Freigabe unseres Jugendheims erreicht.

Nach einem Gartennachmittag im Sommer 1933 waren wir hernach noch im Jugendheim beieinander. Der Posaunenchorleiter blies mit seiner Trompete das „Horst-Wessel-Lied“. Alle standen auf, die allermeisten erhoben ihre Hand zum Hitlergruß, bis auf 3 – 4, die ihre Hand unten ließen. Hernach sagte man mir, als einem, der auch seine Hand unten gelassen hatte, ob ich mir auch der Tragweite meines Handelns bewusst wäre. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass die Wahrheit nicht bei der Masse lag, die ihre Hand erhoben, sondern bei den wenigen, die die Hand unten ließen.

Im Gleichmaß folgte dann auch rücksichtslose Gewaltanwendung gegenüber Andersdenkenden, Beginn des Kirchenkampfes, Einsetzung eines Staatskommissars für die EVANGELISCHE KIRCHE DER ALTPREUSSISCHEN UNION, zu der auch die westfälische Kirche damals gehörte, Beurlaubung aller General-Superintendenten , der damaligen geistlichen Leiter der Provinzialkirchen. An ihrer Stelle wurden Nazi-Bischöfe eingesetzt.

Der einzige General-Superintendent, der seiner Beurlaubung offen widerstanden hat, war Otto Dibelius, der nach 1945 viele Jahre Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche war. Dibelius konnte seinen Protest nur intern veröffentlichen, da es im Dritten Reich strenge Pressezensur gab. Dibelius schrieb u.a.: „Der mir von der Kirche übertragene Auftrag kann auch nur von der Kirche zurückgenommen werden, ich werde deshalb meinen Auftrags als Prediger des Evangeliums weiterführen.“

Am 23. Juli 1933 wurden ganz kurzfristig für die ganze Altpreußische Kirche Presbyterwahlen angesetzt, die in den meisten Gemeinden – auch in Iserlohn – zu einer Mehrheit der DEUTSCHEN CHRISTEN führten.

Über die künftige Arbeitsform der evangelischen Jugend wurde unter Leitung des Reichswartes Stange mit den staatlichen Stellen hart gerungen. Man übertrug dem DC-Reichsbischof Ludwig Müller die Schirmherrschaft für die evangelische Jugend in der Meinung, damit den richtigen Weg gegangen zu sein. Einige Tage vor Weihnachten, am Dezember 1933 hatte dann Ludwig Müller mit dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach – ohne Abstimmung mit D. Stange – einen Vertrag abgeschlossen. Ergebnis: Die unter 18 jährigen konnten nur Mitglied in der evangelischen Jugend sein, wenn sie auch gleichzeitig Mitglieder der Hitlerjugend wurden. Damit hätte man die jungen Menschen unter eine doppelte gegensätzliche Befehlsgewalt gestellt, was für diese Altersgruppe zu einer unerträglichen Belastung geführt hätte. Der Essener Jugendpfarrer Wilhelm Busch war einer der härtesten Gegner dieses Vertrages – er befürwortete die Entlassung der unter 18-jährigen aus der Mitgliedschaft und eine lose Sammlung ohne Mitgliedschaft.

Mitte Februar 1934 war auf der Bundeshöhe eine Mitarbeiterversammlung wegen dieses Vertrages und an dieser Stelle wäre der Westbund fast auseinander gebrochen. H i e r lag aber auch der dunkelste Punkt des Iserlohner CVJM bzw. seines damaligen Vorstandes, weil er meinte, die Doppelmitgliedschaft einführen zu sollen. Er stellte sich mit diesem Beschluss gegen die Gemeinschaft des größten Teiles unseres Kreisverbandes und auch des Westbundes. Unser Kreisvorsitzender Pastor van Randenborgh hat diesen Schritt aufs schärfste missbilligt

Mehrere junge Mitglieder standen damals im krassen Gegensatz zu der Haltung ihres Vorstandes.

Die staatlich vorgesehene Eingliederung der evangelischen Jugend am 04. März 1934 scheiterte weithin am Widerstand des größten Teiles der evangelischen Jugend – in Iserlohn trat durch die weiteren staatlichen Ereignisse dann bald ein Umdenken ein.

W i e ging es weiter? Die ü b e r 18-jährigen konnten weiterhin Mitglieder sein, ohne dass ihnen eine Auflage zur Mitgliedschaft in der SA oder einer sonstigen NSDAP-Gruppierung auferlegt wurde; sie durften auch die unter 18-jährigen sammeln. Allerdings war jede nach außen gehende Betätigung: Sport, Wandern, Freizeiten verboten, jedenfalls offiziell, inoffiziell haben wir auch einiges Verbotene getan. Es gehört übrigens zu den ungeklärten Rätseln des Dritten Reiches, dass nicht der ganze Westbund verboten wurde.

Für unseren Iserlohner CVJM war es weit und breit die einzige Ausnahme dass wir das EICHENKREUZ an unserem Jugendheim belassen konnten, während alle anderen CVJM soweit uns bekannt, das Eichenkreuzabzeichen entfernen mussten. Ob die Nazioberen in Iserlohn unser EICHENKREUZ nicht gesehen haben, oder ob sie es nicht sehen wollten, oder ob unser Herr sie mit Blindheit geschlagen hatte, ich weiß es nicht. Tatsache aber ist, dass wir das EICHENKREUZ bis zum Ende des Nazireiches sichtbar erhalten konnten. Es ist dadurch manchen Soldaten, die später in Iserlohn stationiert waren, zum Wegweiser geworden.

Offiziell erlaubt waren uns nur: Bibelgespräche und das Singen. Irgendeine staatliche Unterstützung finanzieller oder ideeller Art war nicht zu erwarten, aber trotzdem ging es weiter in Wind und Sturm.

1 9 3 5 : Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht – Kasernenbau in Iserlohn. Tag und Nacht, sonntags und alltags wurden die große Zahl der Iserlohner Kasernen erstellt. Man nannte das Arbeitsbeschaffung.

Durch die Stationierung der Soldaten begann für den CVJM-Iserlohn ein neu-er Arbeitsbereich: S o l d a t e n d i e n s t.

Unser Jugendheim war jeden Sonntagnachmittag offen – Mitarbeiter des CVJM waren anwesend. Auch zu den Sonntagsabendstunden kamen die Soldaten. Die Anschriften der Soldaten erhielten wir über den Westbund, soweit die Soldaten nicht von sich aus kamen. Ich selbst habe als Beauftragter des CVJM sehr viele Soldaten in den Kasernen besucht. Unter persönlichem Namen war das möglich.

Die Jungenschaftsarbeit wurde unter den veränderten Bedingungen von Kurt Schmidtchen freitags abends weitergeführt. Nach seiner Einberufung zum Wehrdienst hat Pfarrer Friedrich Herbers diesen Kreis übernommen, wozu dann auch über 18-jährige eingeladen wurden. Dieser Kreis hat dann praktisch bis zum Kriegsende existiert.

Der damalige Wehrmachtspfarrer Gottfried Pohlmann – ab 1949 Kreisvorsitzender – hat unsere Soldatenarbeit tatkräftig unterstützt.

Die Jungschar, die nur an den ersten fünf Wochentagen stattfinden durfte, weil der Sonnabend der HJ für ihre Zwecke staatlich vorbehalten war, wurde später von Pfarrer Heinrich Osthus weitergeführt. Übrigens haben wir in den Jahren bis 1939 auch an den Tagungen und Veranstaltungen des CVJM-Westbundes teilgenommen, die unter strenger Beobachtung der Gestapo ( Geheime Staatspolizei ) bis nach Kriegsbeginn erlaubt waren. Auch der Kreisverband hat seinen Dienst unter den eingeschränkten Verhältnissen sogar bis zum Ende des zweiten Weltkrieges fortgeführt.

1 9 3 9 – 41. September – Beginn des 2. Weltkrieges. Ab sofort abends Verdunkelung, nicht nur keine Straßenbeleuchtung, auch die Häuser mussten ihre Fenster abblenden, damit kein Lichtstrahl nach draußen kam. Von Staats wegen wurden Luftschutzwarte eingesetzt. Trotz der abendlichen Verdunkelung haben wir unsere Zusammenkünfte fortgesetzt. Mit Beginn des Krieges wurden auch die bisher noch nicht erfassten älteren Jahrgänge zum Kriegsdienst einberufen und zunächst einer kurzen Ausbildung in den Heimatkasernen unterzogen. So kamen auch nach Iserlohn sehr viele Soldaten, so dass wir in diesen Jahren neben den anderen Stunden auch spezielle Soldaten-Bibelstunden eingerichtet haben – diese Bibelabende waren oft von 70 bis 80 Soldaten besucht und meistens auch von den Soldaten selbst gestaltet. Es war der Wunsch. der Soldatenbrüder, dass an diesen Stunden ein paar Zivilisten dabei waren. Da ich persönlich der einzige junge Mann zwischen 20 und 30 Jahren im Iserlohner CVJM war, der nicht zum Wehr- und Kriegsdienst einberufen wurde, konnte ich an diesen Soldaten-Bibelstunden fast immer teilnehmen. Es kamen auch eine Reihe katholischer Brüder zu uns, da die katholische Gemeinde solche Stunden nicht hatte.

Wir haben unsere Zusammenkünfte auch trotz des Fliegeralarms weitergeführt. Bei Voralarm sind wir meistens beieinander geblieben. Beim Sirenengeheul wurde eben lauter gesprochen. Bei Vollalarm sind wir meistens im Schnelltempo nach Hause gegangen oder manchmal auch gelaufen, wenn die sog. „Christbäume“ und manchmal auch schon in der Ferne Bomben fielen.

Da in den Kriegsjahren die jungen Männer schon mit 17 Jahren eingezogen wurden, die Iserlohner Brüder, die in unsere Stunden kamen, aber gerne durch eine feste Mitgliedschaft mit uns verbunden sein wollten, haben wir es dann so gehalten, dass wir sie schon mit 17 Jahren aufnahmen mit der Maßgabe, dass die rechtliche Form der Mitgliedschaft erst mit dem 18. Geburtstag eintrat.

Im Jahre 1941 haben wir nach reichlicher Überlegung und vielen Verhandlungen auf Empfehlung der Kirchengemeinde unser Jugendheim mitsamt dem Garten zum Einheitswert unter Abzug der gesetzlich höchst-möglichen Mietzahlung von 15 Jahren an die Kirchengemeinde verkauft. Dabei wurde vertraglich und grundbuchlich festgelegt, dass unser CVJM ein lebenslängliches Nutzungsrecht an den unteren Räumen und an dem Heimgarten behielt. Eine Schenkung, wie wir sie erst vorhatten, war nach Auskunft unseres Anwalts Römer im Beschlagnahmefalle nicht verbindlich, sonst wäre dieser Weg gewählt worden, da der Verein damals keine finanziellen Schwierigkeiten hatte. Die auf dem Dröschederfeld gelegene große Wiese, 3872 m, die lange Jahre für Sportfeste benutzt wurde, war damals nie Gegenstand der Verkaufsverhandlungen. Sie ist immer im Besitz des CVJM-Iserlohn geblieben und wurde auch – trotz Verbots – in den letzten Kriegs-jahren an den Sonntagnachmittagen von der Jungenschaft zum Spielen genutzt. Der Verkaufserlös aus dem Jugendheim ist bis auf einen Betrag von Reichsmark 5000,-, den wir in Wertpapieren angelegt hatten, als Spenden an die Kirchengemeinde, den Westbund und an andere Werke weitergegeben worden.

Im Laufe der letzten Kriegsjahre zeichnete sich mehr und mehr ab, dass der Krieg für Deutschland verloren ging. Damals ging der Slogan um: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auch Adolf Hitler mit seiner Partei“.

Dann k a m 1 9 4 5 und damit das Ende des Naziregimes. Kurz vor dem Einmarsch der alliierten Streitkräfte am 16. April 1945 traf uns am 21. März 1945 noch ein harter Schlag: Bei einem nächtlichen Bombenabwurf auf das Haus Hagener Landstraße 45, heute Karl-Arnold-Straße, kam unser Vorsitzender, Adolf Grüber, mit seiner ganzen Familie – 4 Personen – ums Leben.

Als wir nach dem Waffenstillstand in Iserlohn, nach dem 16. April 1945, im Vorstand zusammen kamen, baten die Vorstandsbrüder mich, den Vorsitz des Vereins zu übernehmen. Ich hätte das auch getan. Nur musste ich die Brüder zu bedenken bitten, dass ich schon Schriftwart des Kreisverbandes seit 1937 war und 1943 nach Einberufung von Herbert Platthaus sen. und Erich Lesinski kommissarisch auch die Ämter des Kassenwartes und des Schriftwartes im Iserlohner CVJM übernommen hatte so dass die zusätzliche Übernahme des Vorsitzeramtes meine zeitlichen Möglichkeiten überschritten hätte, da ich ja auch beruflich tätig war.

Da der stellv. Vorsitzende, Paul Görke, von der Besatzungsmacht zum kommissarischen hauptamtlichen Bürgermeister ernannt worden war und das damals schwerste Amt der Wohnraumbewirtschaftung zu verwalten hatte, sah sich Bruder Görke zur Übernahme des Vorsitzeramtes zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Lage. Wir haben dann im Vorstand eine Notlösung gefunden und – ohne Jahreshauptversammlung – Erich Fischer berufen. Eine gerichtliche Eintragung des neuen Vorsitzes wurde nicht vorgenommen, da die Gerichte zur damaligen Zeit nicht auf Einhaltung der satzungsgemäßen Bestimmungen achteten,

Da Paul Görke durch die in der Zwischenzeit neu erstandenen politischen Parteien von seinem ko. Bürgermeisteramt entbunden wurde, konnte er sich 1946 wieder für das Vorsitzeramt zur Verfügung stellen, das er dann durch wiederholte Wiederwahl bis März 1955 verwaltet hat.

Iserlohn am 27. Februar 1989

 

Soweit der Bericht Heinrich Westhelles.

Es gibt keine öffentlichen Verlautbarungen oder Proteste der „Bekennenden Kirche“ in Iserlohn nach der Brandstiftung an der Synagoge in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 oder zum Abtransport der Iserlohner jüdischen Glaubens in die Konzentrationslager. Der Widerstand bleibt innerkirchlich und richtete sich nicht gegen das politische System des Nationalsozialismus.

Der der schon im Bericht Heinrich Westhelles erwähnte Essener Jugendpfarrer Wilhelm Busch war ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche im Rheinland. Er stand ständig unter der Beobachtung der Gestapo und wurde mehrmals verhaftet. Seine Sätze aus den 60ger Jahren sind heute nach über 50 Jahren aktueller denn je:

Wir leben in einer Demokratie. Demokratie heißt, dass jeder Bürger mitverantwortlich ist. Es ist erschreckend, wie weit es mit unserer Demokratie gekommen ist. Der größte Teil der Jugend sagt: „Wie können wir verantwortlich sein? Wir können ja gar nicht mehr eingreifen.“ Ich möchte Ihnen sagen: Wir haben eine politische Verantwortung dafür, dass so etwas nicht wiederkommt. Das wissen Sie ganz genau, dass es in Deutschland Kräfte gibt, die sich das wünschen. Wiederherstellung.

Sie sind dafür verantwortlich, dass dazu „NEIN“ gesagt wird! Denken Sie daran, dass Hitler ja nicht mit einem Staatsstreich an die Macht kam, sondern auf legalem Weg. Völlig legal, bis zur letzten Leitersprosse!

Er wurde gewählt, die NSDAP wurde die stärkste Partei. Der Präsident Hindenburg übergab ihm die Regierungsbildung. Völlig legal! Er brachte ein Gesetz ein, das ihm alle Vollmachten gab und alles Übrige entmachtete. Das wurde angenommen.

Ich bin kein Politiker, aber ich möchte Ihnen sagen, dass Sie politische Verantwortung haben. Nehmen Sie mal einen Politiker, der das Recht gering achtet, der die Macht liebt, und dazu die Notstandsgesetzgebung, wie sie jetzt geplant ist. Das zusammen wäre die nächste Diktatur! Darum bin ich der Ansicht, wir dürfen über diese Dinge nicht einfach schweigen.

Ich habe letztes Mal gesagt, wir alle haben Schuld. Wenn ich richtig gestanden hätte, wäre ich nicht mehr am Leben.

Christoph Belgardt